Fallout 4 im Test: Endlich wieder zu Hause

Goodbye, Real Life

von Thomas Freund
Teaserbild Fallout 4

Choo! Choo! Der Hypetrain hat nach monatelanger Reise sein Ankunftsziel erreicht und auch ihr dürft Fallout 4 in Kürze in euren Händen halten - doch wollt ihr das überhaupt? Ich hab' mich für euch todesmutig in die Weiten des verstrahlten Commonwealths gewagt und schildere in diesem Testbericht meine Erfahrungen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Ach ja, damals...
  2. Ein beschauliches Leben mit Baby, Haustier und...Hausroboter
  3. Eher Mittel zum Zweck: Die Rahmenhandlung
  4. Crafting gefällt, muss aber nicht sein
  5. Unfreiwillige Komik im Wasteland
  6. Ein bisschen Spaß muss sein
  7. Fazit

Damit ihr meine Rezension ein bisschen besser versteht, müsst ihr wissen, dass ich mit Fallout aufgewachsen bin. Ich weiß noch genau, wie ich damals, Ende 1997, eine Fachzeitschrift für Computerspiele durchblätterte und einen Test zu Fallout: A Post-Nuclear Role-Playing Game las. Mich faszinierte das durchdachte und schwarzhumorige Universum, aber besonders - ich war pubertäre 13 Jahre alt - die ausufernde Gewaltdarstellung. Die war nämlich der Grund, warum ich mich überhaupt an ein so komplexes Rollenspiel heranwagte, bis dahin hatte ich meine Zeit nämlich größtenteils mit Ego-Shootern oder "Doom-Klonen", wie sie zu der Zeit noch genannt wurden, verbracht.

Ach ja, damals...

Unvergessen: Der erste Screenshot zu Fallout 3.
Unvergessen: Der erste Screenshot zu Fallout 3. (Quelle: Bethesda)

Ich verbrachte Wochen mit Fallout, Fallout 2 und Fallout: Tactics, aber bis auf Fallout 2 konnte ich keinen Teil beenden, weil ich einfach kein Stratege bin oder vielleicht zu dumm, je nachdem. Nichtsdestotrotz blieb mir die Rollenspielreihe für ihr einzigartiges Setting im Gedächtnis. Als dauercomputerspielendes "Kellerkind" mochte ich einfach die Vorstellung eines nuklearen Nachkriegsszenarios und in diesem eine wichtige Rolle als Retter zu spielen.

2007 startete dann die Berichterstattung zu Fallout 3. Nach jahrelangem Hin und Her und dem Scheitern von Interplays Van-Buren-Projekt (dem eigentlichen Fallout 3) war ich froh, dass sich nun endlich ein Entwickler, Bethesda Softworks, des Franchises annahm. Ich hatte Bethesda damals nicht so richtig auf dem Radar, spielte zwar früher auf LAN-Parties ihr grandioses Terminator: Skynet, aber dennoch konnte ich den Entwickler schwer einschätzen. Allein der erste Screenshot sorgte damals jedoch dafür, dass ich "gehypt" war:

Fallout 4 im Test: Willkommen im Ödland

Und der Hype stellte sich als gerechtfertigt heraus. Fallout 3 gehört auch heute noch zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich schon im verstrahlten Umland von Washington D.C. verbrachte habe, aber es sind hunderte und werden jährlich mehr, weil ich Fallout 3s Wasteland in regelmäßigen Abständen besuche (auch wenn ich jedes Mal ein neues Spiel starte, da ich mit meinen Savegames nicht mehr klar komme). Wie ich mich über die Ankündigung von Fallout 4 freute, könnt ihr euch sicher vorstellen. Aber jetzt Schluss mit dem Vorgeplänkel, ich möchte euch nämlich endlich wissen lassen, was ich in den letzten Tagen im Commonwealth erlebt habe.

Ein beschauliches Leben mit Baby, Haustier und...Hausroboter

Fallout 4 beginnt im Oktober des Jahres 2077. Ihr lebt zusammen mit eurer besseren Hälfte ein beschauliches Vorstadtleben und zwar mit allem, was dazu gehört: Baby, Haustier und - einem Hausroboter. Schön. Eines Tages klingelt ein Vault-Tec-Mitarbeiter an eurer Tür und überredet euch in bester Haustürverkäufermanier zu einem Leben im Strahlenschutzbunker - und wie es der Zufall so will, soll unser Einzug noch am gleichen Tag stattfinden, denn die Vereinigten Staaten, China und die UdSSR drohen bereits seit Längerem mit Atombombenangriffen, die heute, am 23. Oktober, Realität werden sollten. Fallout-Spieler kennen dieses Datum als Start- und Endzeitpunkt des "Großen Krieges".

Ihr schnappt euch Kind und Kegel und stürmt zur Vault 111. Überall ertönen Sirenen und eure virtuellen Mitmenschen versuchen verzweifelt, die Wachleute vor dem Strahlenschutzbunker zu einem Platz für sich zu überreden - hätten sie doch den Vault-Tec-Vertreter zuvor bloß nicht lauthals vom Grundstück gejagt. Pech.

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ACHTUNG, JETZT KOMMEN SPOILER! In der Vault angekommen werdet ihr zusammen mit eurer Familie in einen 200-jährigen Kryoschlaf versetzt. Zwischendrin wacht ihr auf um beobachten zu müssen, wie euer Herzblatt von einem glatzköpfigen Ekel ermordet wird, das euer Baby an sich reißt. Ihr könnt euch natürlich aus der Schlafkammer befreien und macht euch auf die Suche nach dem kleinen Wonneproppen. SPOILER-ENDE.

Der ganz normale Alltag im Jahre 2077.
Der ganz normale Alltag im Jahre 2077. (Quelle: Screenshot netzwelt / Bethesda)

Eher Mittel zum Zweck: Die Rahmenhandlung

So richtig wurde ich mit der Rahmenhandlung von Fallout 4 nicht warm. Zwar habe ich am Anfang kurz Zeit mit "meinem" Kind verbracht, aber eine richtige Beziehung konnte ich im knapp zehnminütigen Vorkriegsprolog einfach nicht aufbauen. Sowohl Fallout 3 als auch Fallout: New Vegas schafften meiner Meinung nach einen deutlich besseren Einstieg. In Fallout 3 wollte ich meinen Vater finden. In Fallout: New Vegas wollte ich das Schwein finden, das mir eine Kugel in den Kopf gejagt hatte. Vielleicht liegt es an mir, aber irgendwie fand ich die "Baby entführt"-Umsetzung einfach zu trivial - nur wer spielt Fallout schon wegen der Rahmenhandlung? Niemand. Aber irgendwie muss ja eine Rechtfertigung für das Chaos gefunden werden, das ihr im Ödland hinterlassen werdet.

Ich muss schon sagen, der Moment, in dem ich die Vault 111 dann endlich verließ, der hatte etwas Magisches. Ich wusste sofort, was ich die nächsten Monate machen werde. Es ist einfach diese unglaublich dichte Atmosphäre, die mich auch in Fallout 4 wieder in ihren Bann zieht. Bethesda schafft es einfach jedes Mal aufs Neue, eine glaubwürdige Welt zu erschaffen, die nur so von authentischen Details strotzt - und auch davon lebt.

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Ein Beispiel: In Fallout 4 gibt es erstmals ein Crafting-System, wie ihr sicherlich schon mitbekommen habt. Einmal benötigte ich für einen Stromanschluss Keramik als Baumaterial - und wo im Wasteland würdet ihr Keramik vermuten? Richtig! Ich musste nicht lange überlegen und erinnerte mich an ein Diner. Dort fand ich tatsächlich Porzellantassen und -teller, die ich kurzerhand für mein Bauvorhaben recyclen konnte. Natürlich ist es logisch, dass es sowas in einem Diner gibt, dennoch verpasst es Bethesdas neustem Rollenspiel diesen Funken Glaubwürdigkeit, der Spielern immer wieder ihre wertvolle Zockerzeit raubt.

Sanctuary ist die erste Siedlung, die ihr nach euren Wünschen gestalten könnt.
Sanctuary ist die erste Siedlung, die ihr nach euren Wünschen gestalten könnt. (Quelle: Screenshot netzwelt / Bethesda)

Crafting gefällt, muss aber nicht sein

Abgesehen davon bin ich nicht der größte Fan von Crafting, bislang nutzte ich es daher auch nur für Quests, die das neue Feature erforderten. Zwar gefällt mir die Idee, eigene Siedlungen aufbauen zu können, aber mich interessieren Quests einfach mehr. Nicht die Hauptquests - Sidequests sind seit jeher bei den Bethesda-Spielen mein Ding. Für mich sind es die kleinen Probleme von NPCs, sei es eine gescheiterte Existenz, die sich mit Jet zudröhnt, oder ein Roboter, der seit Jahren in einer Vault alleingelassen wurde. Es sind für mich die kleinen Dinge, die einen in Bethesdas Welten saugen.

In Fallout 4 gibt es auch wieder zahlreiche Begleiter, die euch nach längerem Beisammensein ihr Herz ausschütten. Bislang tourte ich mit Dogmeat, einem Cyborg-Detektiv, einer Ex-Sklavin (Cait) und einem Haushaltsroboter durch das Ödland. Dogmeat ist mir leider irgendwann abhanden gekommen - ich weiß nicht, ob es ein Bug war oder so sein sollte. Seitdem habe ich Cait in mein Herz geschlossen. Zwar ist sie ab und zu etwas ruppig und immun gegen meine Flirtversuche, aber dennoch ist sie eine interessante Persönlichkeit, die im Verlauf des Spiels immer mehr von sich preisgibt.

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Cool ist auch, dass sich verschiedene Aktionen auf die Beziehung zu eurer Begleitung auswirken. Jage ich mir in Gegenwart von Cait beispielsweise Jet rein, so gefällt ihr das. Auch waffenlose Überredungsversuche wirken sich positiv auf das Verhältnis zu der ehemaligen Sklavin aus. Anders als beim Cyborg-Detektiv, der hatte immer nur etwas für meine Hacking-Skills übrig.

Im V.A.T.S.-Modus seht ihr des Öfteren unterhaltsame Glitches oder zieht Grimassen.
Im V.A.T.S.-Modus seht ihr des Öfteren unterhaltsame Glitches oder zieht Grimassen. (Quelle: Screenshot netzwelt / Bethesda)

Unfreiwillige Komik im Wasteland

Kommen wir zu den Bugs und Glitches, es ist nämlich kein Geheimnis, dass die "Creation Engine" hier und da für unfreiwillige Lacher sorgt. Ich kann euch beruhigen: Fallout 4 ist weit davon entfernt ein Skyrim oder Fallout 3 zu sein. Natürlich gibt es manchmal Animationen, die einfach nur zum Schreien komisch sind und auch im V.A.T.S. erlegte Gegner bleiben gern mal zappelnd an irgendwelchen Kanten hängen, aber das alles stört mich nicht. Um ehrlich zu sein, ich habe diese Bethesda-typischen Glitches irgendwie lieb gewonnen. Es ist auch so, dass mich die Atmosphäre von Fallout 4 teilweise deprimiert - was nicht negativ ist - und mir daher von Bugs verursachte Lacher durchaus willkommen sind.

Obwohl im Internet die Optik teilweise von irgendwelchen Foren-Heinis zerrissen wird, gefällt mir die Grafik von Fallout 4 wirklich ausgesprochen gut. In den Nahaufnahmen machen die Charaktere zwar keine so gute Figur - wahrscheinlich auch, weil mich The Witcher 3: Wild Hunt in dieser Hinsicht sehr verwöhnt hat - dennoch ist das Spiel weit davon entfernt schlecht auszusehen. Richtig glänzen kann Fallout 4 in der Außenwelt: Die Wetterwechsel und der Tag-Nacht-Zyklus sehen einfach fantastisch aus. Der voluminöse Nebel hat sogar meine Wahrnehmung komplett verändert, sowas hatte ich zuletzt bei Doom 3, als ich Schatten auf einmal völlig anders betrachtete, weil id Software diese für die damalige Zeit einfach atemberaubend aussehen ließ. Jedes Mal, wenn ich mich nun im nebeligen Hamburg auf den Weg zur U-Bahn mache, muss ich an Fallout 4 denken. Verdammt, Bethesda, als ob ich nicht schon genug Zeit mit euren Spielen verbringe.

Ein bisschen Spaß muss sein

Verändert die Wahrnehmung: Der Nebel in Fallout 4.
Verändert die Wahrnehmung: Der Nebel in Fallout 4. (Quelle: Screenshot netzwelt / Bethesda)

Bei der ganzen Lobhudelei muss ich allerdings auch etwas Kritik loswerden. Das neue Dialogsystem, das sich ein wenig an The Witcher 3 und Mass Effect orientiert, passt nicht so recht zu Fallout. Oft weiß ich nicht, welche Aussage sich hinter einer Antwort verbirgt. Bei Fallout 3 musste ich teilweise schon lachen, wenn ich nur die Antwort-Optionen durchlas, sowas gibt es in Fallout 4 leider gar nicht mehr. Auch fehlt es den Dialogen an Humor, wie ich finde. Obwohl die Texte wirklich sehr gut geschrieben sind, nehmen sich diese einfach viel zu ernst - aber gut, das ist Geschmackssache.

Fallout 4: Test-Screenshots

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Super gelungen ist dafür das Gunplay. Falls ihr euch noch daran erinnert, wie hakelig es in Fallout 3 oder Fallout: New Vegas war, auch nur irgendwas zu treffen, werdet ihr eure helle Freude an den Ballermechaniken von Fallout 4 haben. Hier hat Bethesda wirklich alles richtig gemacht. Das Rollenspiel wird dadurch - und auch durch neue Spielmechaniken wie etwa dem Sprinten - ein wenig actionreicher, was langjährigen Fans, die sonst nichts mit Ego-Shootern am Hut haben, allerdings sauer aufstoßen könnte.

Fallout 4: Fazit

Strahlendes Meisterwerk 9/10

Bethesda Softworks liefert mit Fallout 4 genau das Spiel ab, das ich erwartet habe - und sogar noch etwas mehr. Zwar ist die Rahmenhandlung etwas belanglos und auch sehen einige NPCs nicht besonders schön aus, dafür weiß das Rollenspiel durch seine unglaublich detaillierte und glaubwürdige Welt zu begeistern. Ich weiß schon jetzt, dass ich auch nach 300 Stunden Spielzeit noch lange nicht genug haben werde. Danke, Bethesda!

Das hat uns gefallen

  • Perfektes Gunplay
  • Glaubhaftes Ödland
  • Fantastischer Soundtrack
  • Umfangreiche Crafting-Möglichkeiten

Das hat uns nicht gefallen

  • Abgespecktes Dialogsystem
  • Humor kommt zu kurz
  • Lahme Rahmenhandlung
Testnote 9,0 von 10
Thomas Freund
Bewertet von Thomas Freund
10 / 10
Spielzeit

Spielzeit Wie lange ist die durchschnittliche Spielzeit? Wie viele Stunden kann ich Spaß am Multiplayer-Modus haben? Ein Punkt auf der Skala entspricht zehn Spielstunden.

7,0 / 10
Einstieg

Einstieg Wie einfach gelingt der Einstieg ins Spiel? Brauche ich eine enorme Eingewöhnungszeit? Ziehen sich die ersten Stunden durch lange Tutorials in die Länge? Lässt mich das Spiel ohne Anleitungen ratlos zurück?

8,0 / 10
Technik

Technik Wird das Spiel von Bugs geplagt? Beeinträchtigen starke Performance-Probleme das Spiel? Funktionieren die Online-Modi einwandfrei?

Informationen zum Spiel

Mehr zum Thema, wie wir mit Testgeräten verfahren, wie wir testen und den allgemeinen Leitfaden für unsere Redaktion findet ihr in unseren Transparenz-Richtlinien.

9
Leserwertung

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Die Leserwertung beträgt 9 von 10 möglichen Punkten bei 958 abgegebenen Stimmen.
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Bestenlisten

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Einsortierung und Informationen zum Spiel

Es wurden die folgenden Schlagworte vergeben: Gaming, Testbericht, Rollenspiel, Konsole, Microsoft, Sony, PC-Spiel, Steam, Bethesda Softworks, Sony PlayStation 4, Microsoft Xbox One, Hersteller-Verzeichnis, Videospiel und Fallout 4.

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